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Elternleben

Inselbegabungen

Wenn ich auf mich schaue, stelle ich fest, dass ich in keiner Sache besonders talentiert bin. Kurzum: Bei mir ist vieles gut verteilt (bis auf mein Bauchfett vielleicht). Derzeit lese ich endlich mal wieder ein Buch. Einfach zum Vergnügen und nicht wie sonst zum Wissenserwerb (Interessanterweise las ich darin vor ein paar Seiten, der Protagonist lese eigentlich nur um zu Lernen). Gleich wie, derzeit geht es in dem Roman um Inselbegabungen. Da frage ich mich natürlich, wie es bei mir damit so steht. Ich gehe davon aus, dass diese Art der Selbstreflexion bei Gesehenem und Erfahrenem, auch Andere betrifft?

Ich kann gut denken, etwas singen und Gitarre spielen. Ich kann gut Anderen zuhören und habe ein annehmbares Allgemeinwissen. Dabei bin ich kein Spezialist für irgendetwas, vielleicht mit der Ausnahme meines Promotionsthemas. Ich kann mittlerweile flüssig und fehlerfrei Schreiben (trotz LRS und hölzerner Stilistik) -auch dank des Bloggens seit 2012 (!). Reden schwingen kann ich ebenso, wie mich auch zurückhalten. Darüber hinaus mag ich Menschen und arbeite gerne für und mit anderen Leuten. Es fällt mir zuweilen schwer, wenn Menschen ein begründet großes Ego haben. Gemeint sind Männer und Frauen, deren Lebensleistung mich so beeindruckt, dass sie mich einschüchtern. Das könnte anders werden, gleichwohl bin ich generell zufrieden mit mir. So dass ich daran nicht viel verändern muss. Ich glaube seine Mängel aushalten zu können und sich in Demut zu üben, hilft sehr.

Jedoch fällt es mir aufgrund meiner Disposition schwer nachzuvollziehen, wie es ist, wenn man eine oder mehrere Inseln mit Begabungen hat. 

Wie ist es, wenn man nicht im breiten Fluss der Mitte mit schwimmen kann, weil man einfach zu auffällig gut ist.

Ob durch reines Talent oder durch Talent und Übung oder dank des Talents der ausdauernden Übung sei dabei dahingestellt. 

Auf einer Rückreise aus Spanien vor über 20 Jahren saßen wir im Speisewagen und wir sprachen über zwei Bekannte. Beide studierten an einer Musikhochschule. Einer unserer Freunde sagte, dass “Michael Meyer” (Name von der Redaktion geändert) eine von Gott gegebene Begabung hatte – der andere eben nicht. Schließlich sollte sich das Leben von “Michael” auch so entwickeln, dass festzustellen bleibt: Er ist ein wirklich begabter Musiker. 

Seither finde ich die Frage nach natürlicher Veranlagung ein andauerndes Denkmuster bei mir.

Wie gesagt, was ich kann und entwickelt habe sehe ich nicht als großes Einzel Talent an. Dennoch fühle ich mich oft beschenkt und bin daher auch häufig im Leben zufrieden.

Dann schaue ich auf meine Kinder und bemerke, dass es Dinge gibt, die sie gut können. Dies sind größtenteils kreative Veranlagungen. Ob darunter besondere Inseln sind, wage ich bereits jetzt zu bezweifeln. Gut so, denke ich. Denn das Prädikat „hochbegabt“ nehme ich auch stets als Verdikt wahr. Dann steigen die Erwartungen und oftmals ist der Weg zum überdurchschnittlichen Kind bereits eine Tortur durch Instanzen. Ebenso bleibt zu befürchten, dass neben der besonderen Insel auch welche auftauchen, die das Leben zusätzlich erschweren.

Wie geht es Leuten mit großer Begabung oder denen, die Kinder bzw. Menschen damit im Umfeld haben? Wie ändert sich Leben dadurch? Vielleicht habt ihr etwas zu berichten?

Übrigens, die Situation im Speisewagen damals eskalierte unerwartet überraschend. Ein stiller Zuhörer, zwei Tische weiter, stand kurz nach dem Dialog vor uns und ohrfeigte denjenigen, der den Begriff „gott begabt “ aussprach, um dann wieder zu seinem Platz zurückzukehren. Eine skurrile Begebenheit – ob Gott gewollt, das sei, hier mal dahingestellt. 

Zumindest taugt die Begebenheit von einst das Gewicht des Begriffs und die Ambivalenz bildhaft zu unterstreichen.

Konsti

 

PS: Das Buch was ich derzeit lese ist übrigens dieses hier:

Inselbegabungen was mach ich damit

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3 Comments

  • Refael
    28. Juli 2021 at 15:05

    Ein sehr lehrreicher Artikel. Ich lese ihn mit Freude.

  • Nadine
    29. Juli 2021 at 12:49

    Schöner Artikel, allerdings würde ich in diesem Zusammenhang mit dem Begriff “Inselbegabung” aufpassen. Als Inselbegabung spricht man bei ausergewöhnlichen Leistungen oder Talenten bei gleichzeitigem Vorhandensein eines Handicaps (z.B. kognitive Behinderung). Aus Sicht der Wissenschaft gibt es weltweit nur ein paar 100 Inselbegabte.
    Ich kenne deinen Musiker-Freund nicht und möchte ihm auch nicht ein ungewöhnliches Talent absprechen, aber ich bin mir nicht sicher, ob “Inselbegabung” dabei passend gewählt ist…

  • Anne
    29. Juli 2021 at 18:11

    Moin,

    wollte auch schon fragen, was du genau meinst: Die Inselbegabungen, dagegen mir gerade schnöde vorkommende Hochbegabung (über IQ gemessen, d.h. Überdurchschnittliche mathematisch/logische Begabung) oder generell „einfach“ „nur“ eine starke Begabung auf irgendeinem Gebiet.
    Hat glaube ich alles zwei Seiten. Aber mit Akzeptanz und Wohlwollen lebt es sich mit vielem.

    LG Anne

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